Gülcan Turna

Zu den Stickarbeiten von Gülcan Turna

Text: Maresa Bucher

Die in Friedrichshafen geborene türkische Künstlerin Gülcan Turna ist mit dem Thema der Stickerei bereits seit ihrer frühen Kindheit vertraut. Ihre Familie folgte der türkischen Tradition, den Mädchen das Stickereihandwerk zu lehren und gemeinsam an ihrer Aussteuer zu arbeiten. Nach ihrem Studium der Bildhauerei und Kunstpädagogik in der Türkei zog Turna 2001 für ein weiteres Bildhauereistudium nach München. Neben der künstlerischen Ausbildung war ihr Ziel das intensive Erleben der deutschen Kultur, die ihre Erinnerung der ersten Lebensjahre geprägt hatte. Durch ihre konzeptuelle Ausrichtung auf die individuelle Erfahrungswelt entdeckte Gülcan Turna 2004 die Sticktechnik als künstlerisches Ausdrucksmittel.

Der in der türkischen Tradition gängige Kreuzstich ist auch in Deutschland weit verbreitet. Neben floralen oder ornamentalen Motiven finden sich Sinnsprüche auf Kissen, Tischdecken, Handtüchern oder Wandbehängen, die die Künstlerin als sprachwissenschaftliche Zeugnisse der deutschen Kulturgeschichte wahrnimmt. An gängigen Redewendungen kann die Künstlerin, die sich die deutsche Sprache selbst angeeignet hat, deren Struktur und inhaltliche Kraft ganz erfassen. Die Metaphorik und Analogien der meist zweigliedrigen Spruchreime eröffnen Vergleiche zur türkischen Sprache und machen eine enge Verwandtschaft deutlich. Inspiriert von der poetischen Sinnhaftigkeit des literarischen Materials, das zwischen Kitsch, Nostalgie und Volkstümlichkeit rangiert, sucht Turna durch eigene Spruchstickereien die künstlerische Umsetzung dieser Thematik. Gängige Redensarten analysiert sie auf Sprachgebrauch und Bedeutung hin und übersetzt sie in einen neue Form. Ein Beispiel dafür ist die 2010 entstandene, zweiteilige Arbeit „Herr, lass es Hirn regnen – Kein Zeit“. Als Stickerei wird die Kraft dieser Aussage ungewöhnlich betont, aus einer beiläufigen Äußerung wird ein Manifest. Durch die aufwendige und präzise Arbeit wird jedes Wort gleichermaßen bedeutungsvoll. Turna platziert und passt die Worte in Größe und Form gezielt an. Die Rechtschreibung überlässt die Künstlerin dem Zufall und persifliert dadurch nicht nur ihr eigenes sprachliches Unvermögen, sondern betont auch den aktuellen Zeitgeist. So wird beispielsweise aus „Keine Zeit“ schlicht „Kein Zeit“.

Die Sprache ist für Gülcan Turna ein identitätsstiftendes Medium. Sich selbst in Welten zu definieren, zu denen sie sich nicht zugehörig fühlt, gelingt ihr durch die performative Verarbeitung, Verwirrung, Verstickung ihrer Äußerungen. Das Jahrhunderte alte Handwerk der Stickerei entspricht schon seit jeher einer bestimmten Sicht auf die Welt und einer meditativen Verarbeitung des Weltgeschehens. In den Laienbereich verdrängt wird die Stickerei als Arbeit des häuslichen Zeitvertreibs definiert. Doch Gülcan Turna möchte das Gefühl familiärer Geborgenheit als positiven Wert betonen und ihr innerliches Bedürfnis nach Selbstreflexion im Umgang mit dem Stoff zu einem zentralen Thema machen. Dabei erreichen ihre Arbeiten durch schlichte Klarheit von Wort und Motiv eine maximale Ausdruckskraft. Die Sprüche auf Turnas weißen Tüchern werden von einer roten Blume als immer wiederkehrendes, statisches Motiv begleitet. Aus einer türkischen Vorlage entnommen verweist die Blume auf die traditionelle Beheimatung der Stickkunst, die durch die meist zweideutigen oder provokanten Aussagen ihrer Spruchwahl konterkariert wird. In der Türkei wie in Deutschland ist es üblich, für eine neue Stickarbeit auf Vorlagen zurückzugreifen, sie abzuwandeln und neu zu kombinieren. So verbreiten sich Motive wie andere kulturelle Elemente diffus, ohne feste Grenzen. Die rote Blume könnte mittlerweile also auch als deutsches Motiv Verwendung finden. Gleichzeitig ist sie für Gülcan Turna auch ein Symbol für die Unveränderbarkeit ihrer Herkunft und die Statik ihrer Erziehung, die den Einflüssen der deutschen Kultur und der Dynamik ihrer persönlichen Entwicklung gegenüberstehen. Gülcan Turnas gestickte Sprucharbeiten sind sowohl als biografische Aufarbeitung persönlicher Erlebnisse zu verstehen, wie auch als Karikierung kultureller Eigenheiten, die sie in ihrer sprachlichen Vieldeutigkeit auffächert.

Stickarbeiten von Gülcan Turna:

  • 1. Kein Kind (2004)
  • 2. Rauche letzte Zigarette (2007/08)
  • 3. Herr, lass es Hirn regnen – Kein Zeit (Syntopischer Salon 2010)
  • 4. Herrlich der Wald (2010)
  • 5. Haben Wollen Dürfen Mögen (2011)
  • 6. Ich glaube nur was ich sehe nur was (2011)
  • 7. Eine Oase des Grauens in der Wüste der Langeweile (2011)
  • 8. Zuckerbrot Peitsche (2011)
  • 9. Schaue Stuhlgang nach (2011)
  • 10. Schlecht gefickt (2012)